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Blitzkrieg Tezuka

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Sonntag, 28. Dezember 2025, 02:05

HIGHWAY, IRGENDWO IN DEN USA.
DRAUSSEN/TAGSÜBER





BETTINA (innerer Monolog)



Tja. Nun sitz ich hier. Neben mir ein
fetter, aufgedunsener Ami-Typ, voller Fastfood, Trucker-Mütze aufm Kopp, die
Wampe wippend zu Trucker-Musik. Aber was läster ich hier, „Ami-Typ“, hab ich
das wirklich gedacht? Bin ich nicht vollständig amerikanisiert, und was ist
daran schlimm? Man kannte das so, wenn man links war, wenn man Punk war, war
man auch gegen die USA, gegen ihre Kriege, aber man lästerte auch gegen die
Kultur, über alle Leute da. Habe da natürlich immer mit eingestimmt, über die
fetten, oberflächlichen, kulturlosen Amerikaner. Aber naja…gleichzeitig war es
auch die Zeit in der man sich dem erweiterten musikalischen Horizont öffnet,
und siehe da…Punk kommt eigentlich von drüben, nicht aus England! Dann Blues,
Soul, was für wunderbare Musik! War ich verlogen, schizophren? US-Serien,
US-Filme, New Hollywood ist genau meins. Aber klar, jenseits des Großen Teichs
blüht die Unkultur. Was ist mit Country & Western-Musik, Hoch- oder
Unkultur? Rebellen wie Tex Connelly oder Billy O’Shagg, selbst Woody Norman,
Idol meiner Eltern, hat ein, zwei Country-Alben aufgenommen. Aber warum ist diese
Musik in den Südstaaten so erfolgreich, 10-Gallonenhüte und
Konföderiertenflaggen? Knarrenschwingende Republikaner, die sind doch das
Zielpublikum, oder? Einflüsse aus der Schwarzen Musik, die haben die Jungs von
der Landstraße doch immer verleugnet, oder? Weiß wie die Kutten vom Ku Klux
Klan, so sehen die diesen Sound doch? Und wer ist eigentlich dieser Tex, weiß
ich das inzwischen? Rebell, Reaktionär, Patriot, Indianerfreund, oder eher
Freund von dem Ayatollah Gordon Douglas? Projektionsfläche für Hippies, Punks
und Rednecks? Frömmler oder Freigeist, erst von meinem Freund Sid für die
Jugend auf cool poliert? Schlicht wie sein Freund Danny Rossy, aber warum waren
dann seine Texte häufig so tiefsinnig? Und warum mögen Trucker ihn? Soll ich
mal nachfragen? Nein, will die Romantik nicht zerstören. Da fällt mir ein…wie
findet man denn die Musik von Danny hier, gilt Schlager hier als sowas wie der
Country der Deutschen? Ziehe ein ausgeleiertes Tape aus meiner Lederjacke,
reiche es dem Typen, er tut’s ins Kassettendeck, keine Emotion. Lächeln,
Gefallen oder Belustigung? Liebe es aus dem Fenster zu gucken, irgendwie ist
Amerika doch wunderbar. Was für wunderschöne Felsformationen jetzt. Sind alle
Menschen hier auch so wundervoll? Wir haben damals über die dummen Amis
gelästert – und jetzt bin ich selber mit einem zusammen. Einem der führenden
Produzenten in den Staaten. Manche nennen ihn eine Legende. Gucke nach rechts,
irgendwie wie in einem Song von Tex fühlt sich das jetzt an. Mitternacht in
einem liquor store in Texas. Wir halten nicht an einem Schnapsladen, sondern
bei so ner Fastfood-Bude, die aber bunt und stylish wie ein Pop-Art-Kunstwerk
wirkt. Kenn die Kette gar nicht. Während ich meinen Burger beiße, denke ich an
meine Mädelsgang in Bremen. Yana, die immer schlecht gelaunte Kunststudentin.
Palina, die Schauspielerin, die gerne viel redet, Filmgeschmack hat sie aber.
Grit, kurze, blonde Haare, stylish und girl next door, aber gleichzeitig total
links. Samineh, die jugendliche, frühreife Iranerin, wird ständig für älter gehalten,
weil sie halt so ein kluges Köpfchen ist/hat. Und unsere Königin, Merle,
Fotofachverkäuferin, Rock- und Punk-Liebhaberin, meine Beste seid Schulzeiten. Könnt
mal wieder SMS schreiben, aber lieber Fantasie spielen lassen, was die so
treiben. Lästern die vielleicht über mich? Halten mich für eingebildet, weil
ich mit Promis rumhänge. Weil ich’s nie schaffe eine Beziehung länger
durchzustehen. Lauf ja auch als Erwachsene noch mit Schleifchen im Haar rum,
wirkt sicher auf viele albern. Für die Girls drüben bin ich wahrscheinlich
schon komplett durchamerikanisiert und hier…“Blitzkrieg“. Wir halten an.

Blitzkrieg Tezuka

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Sonntag, 28. Dezember 2025, 02:11

ANWESEN VON SID SILVER, LONG BEACH, NEW YORK, DIESIGES, NASSKALTES WETTER.




Draufsicht auf zwei Räume. Partygäste, aufgekratzt, Drinks in der Hand, Smalltalk, Garagenpunk
erfüllt die Luft. Sid Silver sitzt – mit Whiskyglas in der Hand – am DJ-Pult
und guckt LPs durch. Schwarzes Gold, ebenso dunkle Klänge? Bettina kommt
angewankt, Cannabis-Geruch im Mund, verschwitzt vom Tanzen.





Kurze Draufsicht von draußen. Man sieht Sid durchs Fenster von hinten, wie er seine Platten durchgeht.




BETTINA (zu Sid)



Hey, Siddy, warum hasten eben „Stop! In
The Name Of Love“ von den Ramones aufgelegt?



SID (leicht abwesend, in seine Platten vertieft):



Ach, weißt doch, dass ich bald ein neues
Album rausbringe, mit ungewöhnlichen Coverversionen. Daher auch die Party. Kommt
demnächst noch weiteres, John Lee Hooker hat ja auch mal die Ramones gecovert,
und Townes Van Zandt Cat Stevens.



BETTINA (insistierend)



Naja, aber warum ausgerechnet der Song? Pere Ubu haben ja auch mal „Barbara-Ann“ von
den Beach Boys interpretiert? Wenn das jetzt „Bettina-Ann“ hieße? Oder da wir
eben bei den Joey, Johnny & Co. waren… die haben sich die Strandjungs auch
mal mit „Fun Fun Fun“ vorgenommen? Wäre vielleicht weniger deprimierend.



Sie zieht die entsprechende LP aus der Plattenkiste und betrachtet sie.




Es erklingt der The-Smiths-Titel „Half A Person“ in der Version von Cat Stevens. Dann Debbie Harry, wie sie „Waiting For My Man“ von Velvet Underground“ performed. Sid schaut irritiert.




BETTINA



Ja, Sid, so fühlte ich mich, bevor ich
dich traf.



Sid nimmt die
Nadel vom Plattenspieler und setzt diese woanders auf dem Vinyl an. Wieder die
Band Blondie, diesmal mit „There She Goes“. Er blickt Bettina an, in Erwartung,
dass sie weiß, wie das gemeint ist. Nächster Titel ist John Lee Hooker mit
„Falling In Love With A Girl“, White-Stripes-Interpretation. Wieder
vielsagender Blick. Bettina fängt an zu tanzen, zu strippen, Soundtrack dazu
„Killer Queen“ von den Sex Pistols. Sid verändert wieder etwas den Tonabnehmer,
Iggy Pop erweist „Sex Machine“, Original James Brown, seine Ehre. Bettina tanzt
ihn jetzt sexy an, wieder Modifikation des Stylus
(Fachbegriff
für Abtastnadel)
,
„Catholic Girls“ (Frank Zappa) in der Version Adam Greens.








BETTINA (irritiert)



Was soll das denn jetzt? Was bitte willst
du mir damit sagen.



Sie fängt an
ihre Kleidung zusammenzusuchen. Sid sagt – in seiner üblichen stoischen Art –
nichts. Legt stattdessen Johnny Cash’s „If I were A Carpenter“ auf, Otis
Redding schmachtet es.





BETTINA (mit gesenkten Schultern,
wieder vollständig angezogen
)



Verstehe. Du glaubst, dass ich dich nicht
mögen würde, wenn du ein einfacher Zimmermann wärst. Oder ein Klempner,
Lastwagenfahrer, Burgerbrater.



Sie nimmt ihre
Tasche, einen Jutebeutel mit Platten und verlässt das Haus. Sid blickt ihr
hinterher.

Richard Parzer

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Sonntag, 28. Dezember 2025, 22:03

Hallo , Blitzkrieg Tezuka ! Schon früher einmal hab ich mir ein paar von deinen Sachen angesehn . Deine Zeichnungen unterscheiden sich von allem anderen , was es sonst hier im Forum gibt . Und deine Storys sind wahrscheinlich die komplexesten . Leider fehlt mir das musikspezifische Fachwissen , das du bei deinen Leserinnen und Lesern anscheinend voraussetzt , um den Inhalt deiner Geschichte voll und ganz würdigen zu können . Trotzdem finde ich es schön , dass du deinen Entschluss , nicht mehr zu zeichnen , aufgegeben hast und wieder " rückfällig " geworden bist .

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24

Sonntag, 28. Dezember 2025, 22:51

Danke Richard. Könntest du vielleicht noch inhaltlich etwas auf meine letzten Seiten eingehen?
Ich bin mir sehr unsicher ob diese Form "Dialoge + Bilder" wirklich für jeden verständlich ist.

bene

Kims Klon

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Montag, 29. Dezember 2025, 00:03

Ich find's zeichnerisch einen großen Fortschritt zu deinen vorigen Beiträgen. Was vielleicht tatsächlich daran liegt, dich von der Comic-Form ein bisschen zu lösen und den Text großteils 'auszulagern'. Ein stimmiges Lettering für eine Comic-Seite bzw. entsprechende Aufteilung ist nämlich immer noch deine 'Achillesferse', finde ich, viel zu fitzelig-kleinteilig oft. Am besten gefallen mir deshalb die Seiten, bei denen du dich ganz auf's Atmosphärische & Illustrative konzentrieren konntest, z.B. gleich mal die ersten 3 Illus mit dem SW-Kontrast. Das 'experimentelle' Lettering in Bild 5 ("Bettina guckt melancholisch nach unten") gefällt mir wiederum sehr gut, weil es eben der visuellen Idee folgt, schön! Die Mischung aus SW und Farbgebung gefällt mir auch gut. Die Story kenne ich ja im Groben schon und hab's mir jetzt nicht nochmal alles durchgelesen, obwohl du hier und da wohl noch was verändert hast - mache ich bei Gelegenheit aber bestimmt mal noch...
Jedenfalls ist es glaube ich ganz gut für dich, solche Zwischenformen auszuprobieren. Das hier ist ja eine Art 'Drehbuch' oder 'Stück' mit Comic-Anteil, möglicherweise liegt dir ja z.B. auch eine Mischung aus Prosa und Illustrationen (sowas liest sich dann gedruckt evtl. auch etwas besser).

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Montag, 29. Dezember 2025, 01:30

Danke, Bene, schön dass bei mir ein Fortschritt festgestellt wurde.
Was meinst du mit "Mischung aus SW und Farbgebung"?
Dass ich meine Bilder mal bunt mal Schwarz-Weiß gestalte, oder wenn in einer Zeichnung bunt und grau aufeinander treffen?

bene

Kims Klon

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27

Montag, 29. Dezember 2025, 15:19

Was meinst du mit "Mischung aus SW und Farbgebung"?
Dass ich meine Bilder mal bunt mal Schwarz-Weiß gestalte, oder wenn in einer Zeichnung bunt und grau aufeinander treffen?
Beides.

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Richard Parzer

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Montag, 29. Dezember 2025, 21:48

@ Blitzkrieg Tezuka : Wenn man sich auch auf den Text einlässt ( und nicht nur auf die Bilder ) , dann , denke ich , ist diese Kombination von Bildern und Text , die du für deine Story gewählt hast , ohne Probleme für jeden verständlich . Natürlich könnten deine Zeichnungen , die die Tanzszene darstellen , auch für sich allein stehen . Aber dann wäre es nicht mehr möglich , die gedankliche und emotionale Tiefe deiner Geschichte in diesem Umfang rüberzubringen . Bettinas Gedanken , ihr " stream of consciousness " , ihre innersten Gefühle - all das könnte man in dieser Ausführlichkeit nie in bloße Bilder oder Panels packen . Du solltest auf jeden Fall weitermachen !

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Blitzkrieg Bettina (29.12.2025)

Blitzkrieg Tezuka

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29

Sonntag, 4. Januar 2026, 09:28




Nehme gegenüber den fünf Redakteuren der Bremer „Hey! Ho!“-Redaktion auf
einem Stuhl Platz. Mein Blick eine Mischung aus Abgeklärtheit und Erwartung.
Verziehe etwas das Gesicht bei den ganzen dicklichen, schwitzenden
Männerkörpern. Was wollen die von ihrer Lieblings-Punkerin? Angespannte Stille
im Raum, bis einer der Redakteure - auf
seinem T-Shirt ist eine ausgestreckte Zunge zu sehen - seine Stimme erhebt.



„Bettina, du hast
vielleicht mitbekommen, dass der Country-Sänger Tex Connelly gestern verstorben
ist. Für meine Generation war der Cowboy-Sound damals eher ein Feindbild. Die
wichtigste authentischste Wurzel der Musik, die wir hörten, kam aus den
Baumwollfeldern des Mississippi, das, was die Jungs von der Landstraße jodelten,
empfanden wir als reaktionär und hinterwäldlerisch.“


Gucke skeptisch. Allein auf meinem Stuhl, wie vor einem Tribunal,
klammere mich – immer noch um größtmögliche Coolness bemüht – mit den Händen am
Sitzmöbel fest. Einschüchternd das Gesamtbild des ganzen Redaktionsraumes.
EIN REDAKTEUR, dessen Shirt ein Smiley
mit zweimal X statt Augen sowie einer ausgestreckten Zunge ziert, ergreift
jetzt das Wort.
[font='&quot'][/font]


„Ja, aber wir
jüngeren Semester entdeckten irgendwann das Rebellische in der Musik von Tex,
wie sehr das Leben bei ihm Spuren hinterlassen hat, und seine Texte erst.
Absolut unglaublich!“


Klingt schon interessanter.


Jetzt ein REDAKTIONSMITGLIED,
auf dessen Bauch ein sehr muskulöser Mann mit freiem Oberkörper zu sehen ist,
welcher eine Flagge schwenkt, zeigt mit dem Daumen eben auf den Muskelprotz:


„Tex Connelly ist die
Country-Entsprechung hierzu!“


Komischer Typ der das sagt, spricht mich auch als Mann nicht sehr an. Schmunzele
in mich hinein.



Die Brust DES
NÄCHSTEN REDAKTEURS schmückte ein Abbild der englischen Königin, durchbohrt von
Sicherheitsnadeln, daneben Schrift in Erpresser-Manier. Er sagt:


„Weswegen wir dich
hierher gebeten haben, Bettina: Zumindest ich schätze dich als sehr gute
Autorin unseres Magazins, gerade was Punk angeht, bist du eine Expertin.
Vielleicht magst du dich etwas öffnen, für andere Musikrichtungen, die zwar auf
den ersten Blick nichts mit deinen Favoriten zu tun haben, aber man lernt ja
nie aus.“


Oha, jetzt wird ich wieder aufmerksamer, der Macker spricht
meine Sprache.


ZULETZT EIN T-SHIRT,
ADLER MIT BASEBALLSCHLÄGER UND OLIVENZWEIG.


„Bettina, du Süße,
machst einen auf hart, bist aber innen flauschig und knuffelig. Weißte
Sweetheart, was das richtige für dich wäre? Mal was anderes, nen
Tapetenwechsel, frische Luft, die Rübe durchpusten! Raus aus dem muffeligen,
stickigen good old Germany, rüber übern großen Teich, rein in das Land aus dem
Rock’n’Roll und Surf stammen! Mit anderen Worten: Wir von der „Hey!
Ho!“-Redaktion würden dich gerne rüber in die Staaten schicken, damit du einen
Artikel über den großen Tex Connelly schreibst! Na, wäre das was für dich?“


Ich jetzt geplättet, muss mich erstmal sammeln.


„Ich wartete jetzt
die ganze Zeit auf einen Auftrag. Und um aller meiner Sünden willen gabt ihr
mir einen.“

Richard Parzer

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Sonntag, 4. Januar 2026, 20:25

Bin schon gespannt , ob Bettina jetzt wirklich nach Amerika geht und dort als Journalistin Karriere macht . Sieht ganz danach aus ... Das Landschaftsbild ist schön geworden . Erinnert mich ein wenig an asiatische Seidenmalerei .

Blitzkrieg Tezuka

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31

Dienstag, 21. April 2026, 19:54

Die Sache ist, dass viele Rock-Bands heutzutage keine Ahnung vom Blues haben. Das ist der große Fehler, denn der Blues ist die Basis. Man sollte eben nicht nur zustechen, sondern das Messer auch wieder richtig rausziehen können.“ Lemmy Kilmister.



Staubige Landstraße irgendwo im Mainland der USA. Ich, „Blitzkrieg“ Bettina Borchers, eure Lieblings-Punkerin in einem Greyhound-Bus. Bin selbst genauso voller Staub wie die Straße, auf der ich fuhr. Meine abgewetzte Lederjacke. Gebückt. Den Notizblock umklammernd. Müder Blick. Mir wurde gesagt, dass ich – Bettina - hier den legendären Coughin‘ McArthur Wilson finde, Tex Connelly’s erklärtes Vorbild.

Bus. Haltestelle. Dieser Maler, wie hieß er, Dennis Hopper? Ach nee, Edward. Hotelzimmer, Tankstellen, Bürogebäude, Amerika. In irgendeinem Hitchcock-Film eine Szene die daran erinnerte, so jetzt auch hier. Obwohl, Dennis H. wäre jetzt auch ein witziger Kontrast, statt Punk-Lady im Greyhound Hippie-Girl auf Motorrad?









Wie auch immer, einsame BUS STATION, weite, doch irgendwie öde Landschaft, was ist dahinter? Kleiner Trampelpfad, ich, Bettina, mit meinen schweren Stiefeln drauf. Hier unter diesem klaren Himmel wohnt also der letzte Vertreter der musikalischen Ursuppe namens Blues, nicht im diesigen Mississippi-Delta. Klarer Himmel, keine Mückenplagen, kühles Wetter, nichts mit Luft, die man schneiden kann.

Eigentlich archaisch und urwüchsig, doch dann, die Moderne, im Retrogewand. Gitarren, lila, in anderen Primärfarben, aufgereiht am Rande des Weges. Eine lange, aber nicht trostlose Reihe der Symbole vergangener Pop-Kultur. Und hier jetzt eine Reise ins Innere der Finsternis, zu den Wurzeln jeglicher populärer Musik. Ja, Jazz, Rock, Rock’n’Roll, Country – alles kommt von den Banjo-Zupfern aus dem Mississippi-Delta.











Wurde Tex Connelly während seiner Army-Zeit nicht unterstellt es nicht zu mögen, wenn seine schwarzen Kameraden mit ,,deutschen Frauleins“ ausgingen? Südstaatenkind eben? Hat ihn die Musik davon befreit, oder war er… immer noch… ?

Was erwartet mich – Bettina - hier eigentlich - eine Blockhütte in der der Blues-Opa Coughin‘ McArthur Wilson immer noch auf seiner Klampfe rumzupft, immer gleiche 2-Akkord-Songs über Arbeitslosigkeit, Hunger, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Brotlosigkeit und ähnliche Sorgen? Alter Mann im Schaukelstuhl, gesamte Musikgeschichte auf seinen Schultern.

Kein Holzhaus aus Holzbalken, auch nicht irgendeine Baracke oder ein schickeres Anwesen. Stattdessen sehe ich ein Kreuz aus eben diesen Balken, gerammt in die Erde.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Blitzkrieg Tezuka« (21. April 2026, 22:25)


Richard Parzer

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Dienstag, 21. April 2026, 22:01

Ich kann nur sagen : Das wirkt alles sehr authentisch - mit viel Herzblut geschrieben und gezeichnet . Man merkt , dass du dich mit dem , worüber du schreibst , auskennst . Die ' Großaufnahme ' von Bettina am Motorrad gefällt mir besonders gut . Bettina wird einem dadurch , dass man im Verlauf der Story an ihren persönlichen Gedanken teilhaben kann , immer vertrauter .
In mir hast du jedenfalls einen neuen Fan gewonnen .

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Blitzkrieg Tezuka (21.04.2026)

Blitzkrieg Tezuka

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Mittwoch, 22. April 2026, 01:03

Bremen Weberstraße, Internet-Café „LIFT“, nix an den Wänden, sieht total spackig aus, das. Nicht die üblichen Klitschen, die benutzt werden wenn Leute online gehen wollen, nicht so Chefsessel zwischen abgekapselten Einzelsitzplätzen, stattdessen offen, gemütlich, wie in so ner Bar, hipstermäßig (wenn man zum Zeitpunkt dieser Geschichte schon von Hipstern geredet hätte).

Ich, Bettina, Teetasse in ihrer einen Hand, die andere an der Tastatur, gleich wird wohl ein neuer Eintrag im „Hey!Ho!“-Forum drin sein. Versuchte Konzentration, gegen Jazz-Klänge, welche das Café bedudeln. Daher Kopfhörer auf.

Hintergrundbild meines PC-Bildschirms eine Micky-Maus-Skulptur, wäre Wyatt Earple vielleicht angenehmer?

Rein ins Board, damals blühte sowas noch, Nickname „Blitzkrieg Bettina“.

Eintrag im Thread zu den verstorbenen Musikgrößen, „R.I.P. Danny Rossy, der Junge mit der engelsgleichen Stimme“








Andere Forums-Member melden sich, kriechen hervor, traurig, fordernd, provokant.










DAVID VOLKSMUND

Schlager… der Blues der Deutschen…ist das hier noch ein Rock’n’Roll-Forum…? Egaaal, hab damals auch zu Abba abgetanzt…wenn das Bier die Kehle runter floss, zu den schönen Melodien…also Rip (so sagt man wohl heute) Danny oder Penny oder wie du heißt…*flaschweinaufmach*

FREDDIE FREELOADER

finde es etwas befremdlich, dass auf einer internet-plattform, auf welcher es vornehmlich um musik gehen sollte, so ein banaler unterhaltungsbarde überhaupt erwähnt wird. zumal wenn es von einer moderatorin kommt, die zudem noch redakteurin bei dem namensgebenden magazin ist.

Jetzt muss ich mich einhaken, was muss das muss.

BLITZKRIEG BETTINA

Haha, unser Freddie markiert hier wieder den Hochkulturisten, hast du nicht auf diesem Board schon mal generell über die schnöde Rock- und Pop-Musik abgelästert, hmm? Bist du mal aus irgend’nem elitööören Jazz- und Klassikforum rausgeflogen, oder wie, oder was? Sogar unser Herr Volksmund – seines Zeichens Anhänger des Agitprop-Sounds der Hippie-Ära – entdeckt doch aus diesem Anlass seine weiche Seite. (Wobei die großartigen ABBA natürlich nichts mit Schlager zu tun haben, und nicht ins Bierzelt gehören.)

FREDDIE FREELOADER

einigermaßen infam was ich mir hier von moderatorenseite her anhören muss. überlege ernsthaft mich an den hiesigen administrator zu wenden.

Oh, Gott, das kann nicht unerwidert bleiben:

BLITZKRIEG BETTINA

Einigermaßen infam so einen Sermon nach dem Tod eines Künstlers abzusondern, denkst du nicht, Herr Freeloader? Für unser Freddielein nicht vorstellbar, dass Musik auch Leute berühren kann, die nicht dem Tempel der Hochkultur entstammt?

GENOSSIN SCHULZ (skurriles Benutzerbild mit 20er-Jahre-Flapgirl auf Motorrad, Benutzertitel: „Spacegirl In Exile“, Zahl im Beitragzähler „1“)

Und es nicht infam sich einfach so viel toleranter und so viel weltoffener als andere Leute zu stellen, wenn man selber mal ziemlich verbohrt war, Frau Blitzkrieg? Find ja dass du dich da gegenüber unserm Fred ziemlich aus dem Fenster lehnst…

Soso, ich bin also Frau Blitzkrieg. Und wie sieht die Fresse von mir Frau Blitzkrieg, aus? Verstockt, Pokerface aufsetzend, nur die Lippen von mir, BlitzBetty, gehen etwas auseinander. Irgendwas bebt in mir, raus aus dem Café, ab nach Hause.

Wir befinden uns in der östlichen Vorstadt, die jeder, wirklich jeder, Viertel nennt.










Nebenan so ein Schuppen, „Piano“, wo Studententypen rumsitzen. Und eine Fahrradwerkstatt.










Fertig aussehende Typen mit Hunden, dürr, ausgemergelte Gesichter, enganliegende Hosen, Chucks, bei denen die Schnürsenkel direkt am Bein festgebunden sind.

Wieder ich, Bettina vor meinem Haus. Nach Trennung von Sid. Fremd den Freundinnen. Amerika – große weite Welt. Kleine, coole Maus. Wo bin ich hier?

Rein ins Treppenhaus, vorbei an so schnieke aussehenden Schwarz-Weiß-Fotografien.

In den Keller, eher unbekanntes Gebiet.

Karton. Foto von ihr als Kifferin, jung. Davon erzählte ich Billy O’Shagg.

Fotos.

Ach, davon erzählte ich Billy, verdruckst am Strand, diesiges Wetter, erster Joint.

Wyatt Earple, der renitente Enterich. Als Stofftier. Als Badekissen. Als Poster fürs Mädchenzimmer. Bettbezug. Schlafanzug.

Kellertreppe hoch, raus aus Haus, ab in Straßenbahn, Linie 1, Richtung Neustadt.

Gediegener als das Viertel, weniger Alternative, mehr gutbürgerliches Publikum. In den Reihenhäusern Ältere, Familien mit Kindern. Aber deswegen geht hier nicht weniger die Post ab.

Die photo dose Filiale in der Pappelstraße, gegenüber der Sparkasse, abgegriffener Slogan „So fotografiert man heute.“ Drinnen Merle.

Tue als würde ich meine Beste nicht bemerken und gehe an die aktuellen Sachen, wühl, wühl. Merle hinterm Tresen, im Hintergrund noch so ein paar Leute am labern.










„Hey, Blitzkrieg.“

Pu, Merle killt mich jedes Mal mit ihrem sexy Bremerhavener Zungenschlag. Da muss ich lasziv-cool etwas entgegensetzen:

„Moin, Genossin. Hast du deine alte Kameradin entdeckt?“

„Ja, so ist das hier in Beck’s-Town. Dreimal ist Bremer Recht. So häufig haben wir uns getroffen, seit du aus Ami-Land wiederkamst.2

„Fügung des Schicksals, hmm? Jedenfalls hab ich mich auch selbst gefunden.“ erwidere ich, Bettina.

„Oho. Erzähl mehr.“

Ein „Bin kurz weg“-Schild wird draußen ins Fenster gehängt. Sie nimmt mich – Bettina - an der Hand und zieht mich ins Kabuff. Dort legen wir - Merle und ich - uns auf den Boden, Kopf an Kopf.

„Ich Kellerkind war bei mir im Keller, hab da so ’ne Kiste gefunden.“ schnacke ich jetzt.

„Was war denn drin? Erinnerungen an unsere coole Teenie-Zeit?“

Oh, da trifft sie jetzt einen wunden Punkt.

„Wer war denn cool von uns beiden, hmm?“ kam es von mir.

„Tja, das war dann wohl ich. Dich nannte man wohl, wie war damals der Schnack, heute sagt man „Nerd“-Mädchen, oder wie?“








Wir lächeln beide säuerlich, aber nicht bösartig auf Merles Seite.

„Jaja, du warst die Queen auf dem Schulhof, immer’n Spruch auf Lager, immer die Fluppe inner Kieme, ich hab ja bis in meine Teenie-Zeit noch mit Plüsch-Wyatt-Earples gespielt. Und vor allem dein Musikgeschmack. Du hast die coolste Mucke gehört. Mir was vorgespielt, mich auf Konzerte genommen. Der erste Joint damals im Karibik-Urlaub, hab das Foto was ’de damals von mir gemacht hast gefunden. So bin ich die Bettina geworden, die ich heute bin.“ sagte ich, Bettina.

„Tja, so bin ich nun mal…“

„Und heute… bin ich die Coole, die in der Welt rumdüst, und du hockst im Dorf mit Straßenbahn rum und vertickst Knipsgeräte an irgendwelche spießigen Familienväter.“ jetzt von mir.

Hab jetzt wieder diesen typisch norddeutschen Tonfall drauf den auch Merle hat. Wir balgen uns nur so zum Spaß, während wir uns die Klamotten runterreissen und übereinander herfallen.



Blitzkrieg Tezuka

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Mittwoch, 22. April 2026, 01:17








Er ist ein Kerl, ein ganzer Mann, und sein Zuhause ist die Autobahn. Sein Zuhause ist die Autobahn. (Gunter Gabriel, „30-Tonner-Diesel“.)

Tja. Nun sitz ich hier. Hab wieder am Highway gestanden, den Daumen in den Wind gehalten. Weiß noch nicht wohin es geht, die Straße hat mich wieder. Neben mir ein fetter, aufgedunsener Ami-Typ, voller Fastfood, Trucker-Mütze aufm Kopp, die Wampe wippend zu Trucker-Musik. Aber was läster ich hier, „Ami-Typ“, hab ich das wirklich gedacht? Bin ich nicht vollständig amerikanisiert, und was ist daran schlimm? Man kannte das so, wenn man links war, wenn man Punk war, war man auch gegen die USA, gegen ihre Kriege, aber man lästerte auch gegen die Kultur, über alle Leute da. Habe da natürlich immer mit eingestimmt, über die fetten, oberflächlichen, kulturlosen Amerikaner. Aber naja…gleichzeitig war es auch die Zeit in der man sich dem erweiterten musikalischen Horizont öffnet, und siehe da…Punk kommt eigentlich von drüben, nicht aus England! Dann Blues, Soul, was für wunderbare Musik! War ich verlogen, schizophren? US-Serien, US-Filme, New Hollywood ist genau meins. Aber klar, jenseits des Großen Teichs blüht die Unkultur. Was ist mit Country & Western-Musik, Hoch- oder Unkultur? Rebellen wie Tex Connelly oder Billy O’Shagg, selbst Woody Norman, Idol meiner Eltern, hat ein, zwei Country-Alben aufgenommen. Aber warum ist diese Musik in den Südstaaten so erfolgreich, 10-Gallonenhüte und Konföderiertenflaggen? Knarrenschwingende Republikaner, die sind doch das Zielpublikum, oder? Einflüsse aus der Schwarzen Musik, die haben die Jungs von der Landstraße doch immer verleugnet, oder? Weiß wie die Kutten vom Ku Klux Klan, so sehen die diesen Sound doch? Und wer ist eigentlich dieser Tex, weiß ich das inzwischen? Rebell, Reaktionär, Patriot, Indianerfreund, oder eher Freund von dem Ayatollah Gordon Douglas? Projektionsfläche für Hippies, Punks und Rednecks? Frömmler oder Freigeist, erst von meinem Freund Sid für die Jugend auf cool poliert? Schlicht wie sein Freund Danny Rossy, aber warum waren dann seine Texte häufig so tiefsinnig? Und warum mögen Trucker ihn? Soll ich mal nachfragen? Nein, will die Romantik nicht zerstören. Da fällt mir ein…wie findet man denn die Musik von Danny hier, gilt Schlager hier als sowas wie der Country der Deutschen? Ziehe ein ausgeleiertes Tape aus meiner Lederjacke, reiche es dem Typen, er tut’s ins Kassettendeck, keine Emotion. Lächeln, Gefallen oder Belustigung? Liebe es aus dem Fenster zu gucken, irgendwie ist Amerika doch wunderbar. Was für wunderschöne Felsformationen jetzt. Sind alle Menschen hier auch so wundervoll? Wir haben damals über die dummen Amis gelästert – und jetzt bin ich selber mit einem zusammen. Einem der führenden Produzenten in den Staaten. Manche nennen ihn eine Legende. Gucke nach rechts, irgendwie wie in einem Song von Tex fühlt sich das jetzt an. Mitternacht in einem liquor store in Texas. Wir halten nicht an einem Schnapsladen, sondern bei so ner Fastfood-Bude, die aber bunt und stylish wie ein Pop-Art-Kunstwerk wirkt. Kenn die Kette gar nicht. Während ich meinen Burger beiße, denke ich an meine Mädelsgang in Bremen. Yana, die immer schlecht gelaunte Kunststudentin. Palina, die Schauspielerin, die gerne viel redet, Filmgeschmack hat sie aber. Grit, kurze, blonde Haare, stylish und girl next door, aber gleichzeitig total links. Samineh, die jugendliche, frühreife Iranerin, wird ständig für älter gehalten, weil sie halt so ein kluges Köpfchen ist/hat. Und unsere Königin, Merle, Fotofachverkäuferin, Rock- und Punk-Liebhaberin, meine Beste seid Schulzeiten. Könnt mal wieder SMS schreiben, aber lieber Fantasie spielen lassen, was die so treiben. Lästern die vielleicht über mich? Halten mich für eingebildet, weil ich mit Promis rumhänge. Weil ich’s nie schaffe eine Beziehung länger durchzustehen. Lauf ja auch als Erwachsene noch mit Schleifchen im Haar rum, wirkt sicher auf viele albern. Für die Girls drüben bin ich wahrscheinlich schon komplett durchamerikanisiert und hier…“Blitzkrieg“. Wir halten an.

Kim

großer Meister

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Mittwoch, 22. April 2026, 07:59

Hab ich was verpasst? Den Beitrag gabs schon mal: Am 28. Dezember 2025. ?(

Blitzkrieg Tezuka

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Mittwoch, 22. April 2026, 08:59

Nicht ganz, Kim. Habe die Texttafel aus dem Bild entfernt, sowie Bettinas inneren Monolog in Romanform dargestellt, ohne (für den gemeinen Leser eh eher uninteressante) Drehbuchanweisungen. Es werden noch weitere Illustrationen folgen, die sich stärker von den bereits bestehenden unterscheiden werden.

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Kim (22.04.2026)

Blitzkrieg Tezuka

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Mittwoch, 22. April 2026, 19:31









Cannon Beach, Pazifischer Nordwesten. Wieder Daumen in den Wind. Das ungleiche Paar welches Sie hier sehen: Die Produzentenlegende Sid Silver, und ich, seine Freundin Bettina Borchers. Mein Lebensgefährte im Band-Shirt, diesmal die coole Combo „Bolzenschneider“. Eine Sonnenbrille. Ich hingegen mein weißes Shirt mit Anarchie-Symbol, meine Lederjacke, mein Leoparden-Minirock, meine graue Stiefel. Alles voll Kraken, war wohl gerade eine Plage.

Dieser Büffel von einem Mann. Steht mit mir am Strand. Das einsame Girl hier heißt Bettina Borchers, für manche auch „Blitzkrieg Bettina“. Warum ist einer der führenden Musikproduzenten der Welt zusammen mit mir kleinem Mäuschen aus dem verschlafenen Bremen? Kraken sind eklig, aber auch geil. Es ist etwas kühl hier oben – die Vorstellung, dass die Viecher mir ihre Fangarme überall reinschieben könnten, macht mich heiß. Wie sieht die Landschaft hier aus? Der Ort, den wir hier sehen, heißt Cannon Beach. Von den Wellen umtoste Dünen. Welche wiederum wie kleine Berge aussehen, gelb mit schwarzen Sprenkeln. Die glitschigen Tentakel auf meinem Körper. Die Saugnäpfe überall. Zieh mich aus. Alles runter, zum Schluss nur noch die Stiefel. Selbstbewusst steh ich da, mach ein verschmitztes Gesicht unter meinem Rotschopf. Sid stoisch wie immer, was denkt er? Die Europäer, alle freizügig, sowas bestimmt. Ich hole aus:

„Na, was denkste gerade? Macht dich das an, oder würdest du mich am liebsten ausmachen? Fürchtest du, dass irgendwelche schießwütigen Karibu-Jäger vorbeikommen und mich am liebsten abknallen würden? Weißt du, in Bremen hab ich eine Freundin, Palina, lange braune Haare, schlank bei großer Oberweite, man kann sich mit ihr gut über Filme unterhalten. Eine Schauspielerin am Schnürschuhtheater. Und die hat schon mal nackt auf der Bühne gestanden, ist wohl in einer sehr freizügigen Familie aufgewachsen. Naja, mir is’n bisschen kühl, schlüpf mal wieder in meine Klamotten. Auf jeden Fall, Palina ist auch Sängerin, singt manchmal in Cafés und so Jazzstandards, Musical-Evergreens, Chanson-Klassiker, so’n Zeug halt. Zu uncool für dich, kenn dich doch. Nix große weite Welt, nur popeliges Städtchen im alten Europa. Na, unsere glitschigen Freunde mögen mich wohl doch nicht, wir können auch gerne weiterfahren. Wir steigen ins Wohnmobil.








Jetzt ist er bestimmt total genervt, komme mit so ‘ner Provinzsängerin, dabei hat er tagtäglich mit allen Giganten zu tun – ob mit einer Industrialband wie den Industriemenschen. Oder mit Countrylegenden wie Billy O’Shagg von Billy & The Kids. Woody Norman, der den Folk auf eine höhere Ebene gehoben hat. Suncat, der norwegische Neutöner. Sunny & The Sunshines, die Queens des Motown-Sounds. Raggady Moses, der alte Rock’n’Roller. Victoria Lover aka Spacegirl In Exile. Sogar mit Wendy Årholm, der norwegischen Kusine von Andy Warhol, hatte er am Rande zu tun. Und dann ich, die ich mit Palina ankomme. Palina Pägelow, mit ihrer sexy Stimme, hätte ihre Brüste, Haare, Haut jetzt genauso gerne auf mir wie die Saugnäpfe der Oktopusse. Wo sind wir hier eigentlich? Das sieht ja – wie sieht das aus? Wunderschön. Diese Berge jetzt. Vorne etwas Gras. Dann der einsame, kantige, spitze Berggipfel. Rechts davon ein paar Wölkchen. Oder das hier: Die Nebelschwaden. Dahinter ein schwarz-weißes Felsmassiv. Im Hintergrund die dunkle Nacht mit einsamer Mondsichel. Keine Schwäche zeigen, nix mit der Romantik, muss die harte Lederjackenträgerin markieren.

„Warum muss man überhaupt so ein altmodisches Zeug wie Jazz singen? Dieses Getröte. Genau wie Samineh, so’ne 16jährige Iranerin aus unserer Clique. Hab bei der immer den Eindruck, dass sie krampfhaft erwachsen sein will. Steht nur auf Rock und Jazz. Nix seichte Pop-Musik oder so, voll schnöselig. Bestimmt mag sie auch Blues, das ist doch die „Kommt-nicht-in-die-Pötte“-Mucke von den Opas im Schaukelstuhl. Und Yana, unsere immer schlecht gelaunte Kunststudentin, was hört die eigentlich? Die einzige mit coolem Musikgeschmack ist Merle, die Fotofachverkäuferin mit dem sexy Tattoo. Die weiß, dass Punk geiler ist als andere schnöde Rockmusik, feiert bestimmt auch deinen Tex, mit seinem Stinkefinger-Foto im Knast damals der erste Punker. Nur komisch, dass sie auch diesen ganzen Rock’n’Roll der 50er feiert, wer hört denn heute noch sowas? Gibt in Bremen so einen Laden, „Heartbreak Hotel“, da laufen die Typen tatsächlich mit Schmalztollen und so rum. Und natürlich genau wie unser Perserkätzchen hört sie diesen schnarchigen Bluuueees.“

Das Wohnmobil hält. Ich in Gedanken. Bin etwas müde vom vielen Sabbeln. Möchte noch etwas sagen, aber dann vertreten wir uns die Beine vor der beeindruckenden Bergkulisse. Als genug Schnee vertreten wurde, bricht Sid sein Schweigen.

„Betty. Süße. Ich habe jetzt deinen Ausführungen gelauscht, die ganze Fahrt über. Du versuchst hart zu sein – die kleine, süße, mürrische Repräsentantin vom alten Europa. Vorm gigantischen Möhrenwald, der sich „Internationale Musikszene“ nennt. Machst einen auf beißfreudig und kratzbürstig, bist aber in Wirklichkeit nur niedlich. Ja, ich seh in deinem Gesicht, was du jetzt denkst. Glaubst ein hartes Cowgirl zu sein und damit Tex zu imitieren – dieser hätte dich über sein Whisky-Glas nur mürrisch angeglotzt. Wenn du mit ihm im Saloon am Tresen gesessen hättest. Weißt du, Betty – ich habe die unterschiedlichsten Musiker produziert - nie war mir ein weltoffenerer Typ als Tex Connelly begegnet. Hmm. Da glitzern deine Augen, ne? Obwohl in den Fünfzigern sozialisiert, und von Folk und Country kommend, liebte er alle Genres, sämtliche Richtungen. Sonst hätte ich ihn wohl auch nicht für mein „Real American Songbook“-Projekt gewonnen. Und gerade die Klänge, über die du eben gelästert hast, mochte er besonders. Du bist doch damals über das Stoppelfeld zu dem Grab von Coughin‘ McArthur Wilson gepilgert? Wenn du das diesige Wetter genau beobachtet hättest, wären dir die Geister, ach was, die Superhelden des Rock, aber auch vom Rock’n’Roll, oder dem kunstvollen Jazz, der Urwüchsigkeit, die sich „Blues“ nennt, sowie Punk und Country begegnet. Das ist Musik. Oder einfach: Amerika.“

Boah, so einen Redeschwall war ich von ihm gar nicht gewöhnt. Ab ins Wohnmobil.

Richard Parzer

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Mittwoch, 22. April 2026, 21:48

Die zerklüftete Felslandschaft mit dem Wohnmobil im Vordergrund ist durch die Helligkeitsunterschiede schön kontrastreich geworden . Wenn ich deine Texte lese , merke ich immer wieder , wie wenig ich eigentlich über die Musikgeschichte der USA weiß . Vielleicht werd ich mich damit mal näher auseinandersetzen. Hast du den mittleren Westen eigentlich wirklich schon bereist ?

Blitzkrieg Tezuka

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Mittwoch, 22. April 2026, 22:47

nee, war noch nie da...

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Richard Parzer (23.04.2026)

Blitzkrieg Tezuka

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40

Gestern, 07:32

















Woody Norman, Protestsänger, Stimme seiner Generation. Idol meiner – Bettinas - Eltern. Kleines verhutzeltes Männchen mit Schaffellweste, Mundharmonika, dann seine Stimme. Knisterndes Schmirgelpapier zu himmlischer Lyrik. Große Überraschung bei mir, die Freundschaft zwischen ihm und Tex Connelly, „der Polarstern nach dem man sich richten kann.“ So der eine Freund über den anderen. Entgegengesetzte Fixsterne am Firmament der damaligen US-Gesellschaft. Brodelnder Protest, pazifistisch, militant, jung. Keine Schafe mehr, wildere Tiere. Mochte mein Umfeld diese Leute? Konservative Szene, Stetson, Trucker-Romantik, Blue Yodel. Stiernackige Rednecks, Könige des Highways, Schrecken der Raststätten. Gab es Schwarze und Schwule in den Reihen, oder alles reaktionär?

Ich, Betty, hier, in dieser riesigen Halle. Sogar noch protziger als die Bude von Sid, dabei stand der Besitzer mal für Gegenkultur. Ich soll warten, wurde mir beschieden. Sind jetzt schon zwei Stunden. Starallüren? Ich wende meinen Blick auf den Bildschirm, irgendeine Preisverleihung von Anno Tack.

Ich sehe genauer hin, das ist ja Tex! Tex Connelly, der Country-Barde, über den ich, Bettina Borchers, schreiben soll! Ich weiß nicht wie Ton angeht, aber ich hole aus meiner Tasche die Unterlagen mit den biografischen Daten, die mir – Bettina - die „Hey! Ho!“-Redaktion als Richtschnur mitgegeben hat. Tatsächlich, Anfang der 70er, genauer 1972, gab es da wohl mal einen Skandal. Connelly sollte den „Academy of Country Music Award“ bekommen, so eine Art Oscar für Cowboy-Klänge. Und, naja, er hatte ihn wohl nicht angenommen, weil ihm die Diskriminierung von Ureinwohnern in Westernfilmen und auch sonst in der Gesellschaft nicht gefiel. Das waren wohl auch die alten Aufnahmen, die ich – Bettina - vor mir sah. Großer Tumult im Publikum. Hmm, wie war das bei mir, der kleinen Bettina, als kleines Mädchen war ich vernarrt in Indianer, ich hab Bücher drüber gelesen, aber mich auch gerne verkleidet. Wenn ich, die erwachsene Bettina, jetzt so nachdenke… vielleicht ist dass das Bindeglied zwischen Woody dem Rebellen und Tex dem Cowboy? War letzterer vielleicht gar nicht so reaktionär, obwohl er der Held dieses Genre war? Fließt denke mal alles in meinen, Bettinas, Artikel ein.

Eine Frau kommt durch die Tür, meint dass es ihr sehr leidtue, Mr. Norman habe heute keine Zeit.

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