Bremen Weberstraße, Internet-Café „LIFT“, nix an den Wänden, sieht total spackig aus, das. Nicht die üblichen Klitschen, die benutzt werden wenn Leute online gehen wollen, nicht so Chefsessel zwischen abgekapselten Einzelsitzplätzen, stattdessen offen, gemütlich, wie in so ner Bar, hipstermäßig (wenn man zum Zeitpunkt dieser Geschichte schon von Hipstern geredet hätte).
Ich, Bettina, Teetasse in ihrer einen Hand, die andere an der Tastatur, gleich wird wohl ein neuer Eintrag im „Hey!Ho!“-Forum drin sein. Versuchte Konzentration, gegen Jazz-Klänge, welche das Café bedudeln. Daher Kopfhörer auf.
Hintergrundbild meines PC-Bildschirms eine Micky-Maus-Skulptur, wäre Wyatt Earple vielleicht angenehmer?
Rein ins Board, damals blühte sowas noch, Nickname „Blitzkrieg Bettina“.
Eintrag im Thread zu den verstorbenen Musikgrößen, „R.I.P. Danny Rossy, der Junge mit der engelsgleichen Stimme“
Andere Forums-Member melden sich, kriechen hervor, traurig, fordernd, provokant.
DAVID VOLKSMUND
Schlager… der Blues der Deutschen…ist das hier noch ein Rock’n’Roll-Forum…? Egaaal, hab damals auch zu Abba abgetanzt…wenn das Bier die Kehle runter floss, zu den schönen Melodien…also Rip (so sagt man wohl heute) Danny oder Penny oder wie du heißt…*flaschweinaufmach*
FREDDIE FREELOADER
finde es etwas befremdlich, dass auf einer internet-plattform, auf welcher es vornehmlich um musik gehen sollte, so ein banaler unterhaltungsbarde überhaupt erwähnt wird. zumal wenn es von einer moderatorin kommt, die zudem noch redakteurin bei dem namensgebenden magazin ist.
Jetzt muss ich mich einhaken, was muss das muss.
BLITZKRIEG BETTINA
Haha, unser Freddie markiert hier wieder den Hochkulturisten, hast du nicht auf diesem Board schon mal generell über die schnöde Rock- und Pop-Musik abgelästert, hmm? Bist du mal aus irgend’nem elitööören Jazz- und Klassikforum rausgeflogen, oder wie, oder was? Sogar unser Herr Volksmund – seines Zeichens Anhänger des Agitprop-Sounds der Hippie-Ära – entdeckt doch aus diesem Anlass seine weiche Seite. (Wobei die großartigen ABBA natürlich nichts mit Schlager zu tun haben, und nicht ins Bierzelt gehören.)
FREDDIE FREELOADER
einigermaßen infam was ich mir hier von moderatorenseite her anhören muss. überlege ernsthaft mich an den hiesigen administrator zu wenden.
Oh, Gott, das kann nicht unerwidert bleiben:
BLITZKRIEG BETTINA
Einigermaßen infam so einen Sermon nach dem Tod eines Künstlers abzusondern, denkst du nicht, Herr Freeloader? Für unser Freddielein nicht vorstellbar, dass Musik auch Leute berühren kann, die nicht dem Tempel der Hochkultur entstammt?
GENOSSIN SCHULZ (skurriles Benutzerbild mit 20er-Jahre-Flapgirl auf Motorrad, Benutzertitel: „Spacegirl In Exile“, Zahl im Beitragzähler „1“)
Und es nicht infam sich einfach so viel toleranter und so viel weltoffener als andere Leute zu stellen, wenn man selber mal ziemlich verbohrt war, Frau Blitzkrieg? Find ja dass du dich da gegenüber unserm Fred ziemlich aus dem Fenster lehnst…
Soso, ich bin also Frau Blitzkrieg. Und wie sieht die Fresse von mir Frau Blitzkrieg, aus? Verstockt, Pokerface aufsetzend, nur die Lippen von mir, BlitzBetty, gehen etwas auseinander. Irgendwas bebt in mir, raus aus dem Café, ab nach Hause.
Wir befinden uns in der östlichen Vorstadt, die jeder, wirklich jeder, Viertel nennt.
Nebenan so ein Schuppen, „Piano“, wo Studententypen rumsitzen. Und eine Fahrradwerkstatt.
Fertig aussehende Typen mit Hunden, dürr, ausgemergelte Gesichter, enganliegende Hosen, Chucks, bei denen die Schnürsenkel direkt am Bein festgebunden sind.
Wieder ich, Bettina vor meinem Haus. Nach Trennung von Sid. Fremd den Freundinnen. Amerika – große weite Welt. Kleine, coole Maus. Wo bin ich hier?
Rein ins Treppenhaus, vorbei an so schnieke aussehenden Schwarz-Weiß-Fotografien.
In den Keller, eher unbekanntes Gebiet.
Karton. Foto von ihr als Kifferin, jung. Davon erzählte ich Billy O’Shagg.
Fotos.
Ach, davon erzählte ich Billy, verdruckst am Strand, diesiges Wetter, erster Joint.
Wyatt Earple, der renitente Enterich. Als Stofftier. Als Badekissen. Als Poster fürs Mädchenzimmer. Bettbezug. Schlafanzug.
Kellertreppe hoch, raus aus Haus, ab in Straßenbahn, Linie 1, Richtung Neustadt.
Gediegener als das Viertel, weniger Alternative, mehr gutbürgerliches Publikum. In den Reihenhäusern Ältere, Familien mit Kindern. Aber deswegen geht hier nicht weniger die Post ab.
Die photo dose Filiale in der Pappelstraße, gegenüber der Sparkasse, abgegriffener Slogan „So fotografiert man heute.“ Drinnen Merle.
Tue als würde ich meine Beste nicht bemerken und gehe an die aktuellen Sachen, wühl, wühl. Merle hinterm Tresen, im Hintergrund noch so ein paar Leute am labern.
„Hey, Blitzkrieg.“
Pu, Merle killt mich jedes Mal mit ihrem sexy Bremerhavener Zungenschlag. Da muss ich lasziv-cool etwas entgegensetzen:
„Moin, Genossin. Hast du deine alte Kameradin entdeckt?“
„Ja, so ist das hier in Beck’s-Town. Dreimal ist Bremer Recht. So häufig haben wir uns getroffen, seit du aus Ami-Land wiederkamst.2
„Fügung des Schicksals, hmm? Jedenfalls hab ich mich auch selbst gefunden.“ erwidere ich, Bettina.
„Oho. Erzähl mehr.“
Ein „Bin kurz weg“-Schild wird draußen ins Fenster gehängt. Sie nimmt mich – Bettina - an der Hand und zieht mich ins Kabuff. Dort legen wir - Merle und ich - uns auf den Boden, Kopf an Kopf.
„Ich Kellerkind war bei mir im Keller, hab da so ’ne Kiste gefunden.“ schnacke ich jetzt.
„Was war denn drin? Erinnerungen an unsere coole Teenie-Zeit?“
Oh, da trifft sie jetzt einen wunden Punkt.
„Wer war denn cool von uns beiden, hmm?“ kam es von mir.
„Tja, das war dann wohl ich. Dich nannte man wohl, wie war damals der Schnack, heute sagt man „Nerd“-Mädchen, oder wie?“
Wir lächeln beide säuerlich, aber nicht bösartig auf Merles Seite.
„Jaja, du warst die Queen auf dem Schulhof, immer’n Spruch auf Lager, immer die Fluppe inner Kieme, ich hab ja bis in meine Teenie-Zeit noch mit Plüsch-Wyatt-Earples gespielt. Und vor allem dein Musikgeschmack. Du hast die coolste Mucke gehört. Mir was vorgespielt, mich auf Konzerte genommen. Der erste Joint damals im Karibik-Urlaub, hab das Foto was ’de damals von mir gemacht hast gefunden. So bin ich die Bettina geworden, die ich heute bin.“ sagte ich, Bettina.
„Tja, so bin ich nun mal…“
„Und heute… bin ich die Coole, die in der Welt rumdüst, und du hockst im Dorf mit Straßenbahn rum und vertickst Knipsgeräte an irgendwelche spießigen Familienväter.“ jetzt von mir.
Hab jetzt wieder diesen typisch norddeutschen Tonfall drauf den auch Merle hat. Wir balgen uns nur so zum Spaß, während wir uns die Klamotten runterreissen und übereinander herfallen.